Tradition

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich dessen bewusst ist, dass seine Zeit auf dieser Welt nicht unendlich ist. So werden überall auf der Welt, in allen Religionen verschiedene Rituale und Zeremonien abgehalten, um den Sterbenden zu begleiten, sich von ihm zu verabschieden und ihm zu gedenken, ihn zu huldigen und die letzte Ehre zu erweisen. Die Menschen aller Religionen verbindet die Frage nach dem Jenseits. Die Vorstellung davon und der Weg dorthin sind sehr verschieden, die Rituale jedoch sehr ähnlich.


In einer Zeit, in der selbst gläubigen Christen die Vorstellung vom Jenseits schwer fällt, möchten wir an Rituale und Zeremonien erinnern, die über Jahrhunderte den Menschen halfen, ihre Trauer zu erleben und zu bewältigen, den Tod zu begreifen. Wir möchten Ihnen das Wissen um Traditionen in der Hoffnung nahe bringen, dass all das, was Ihren Großeltern und Urgroßeltern geholfen hat, auch Ihnen auf Ihrem schweren Weg helfen kann. Begleiten Sie uns auf einem kleinen Ausflug in vergangene Zeiten. Wir möchten Sie hier nicht bis zu den alten Ägyptern mitnehmen, aber in eine Zeit, die Sie sich noch gut vorstellen können.


Es ist vielleicht 80 Jahre oder auch 100 Jahre her. In einem kleinen Haus lebt eine Familie, drei Generationen unter einem Dach. Der Tod klopfte schon einige Male an diese Tür. Hunger, Krankheiten, Armut ließen vielleicht schon Kinder sterben, oder die Großmutter erlag dem Fieber. So war es auch im Nachbarhaus und im Nachbardorf. Schon die Kleinsten in der Familie haben erfahren müssen, was es bedeutet, einen lieben Menschen zu verlieren. Die Vertrautheit mit dem Tod war ein Teil ihres Daseins. Diese Vertrautheit bewahrte die Menschen nicht vor Traurigkeit und Verzweiflung, doch feste Rituale nahmen ihnen die Hilflosigkeit. Kündigte sich der Tod an, versammelte sich die Familie beim Sterbenden. Kerzen wurden angezündet, die Hand gehalten, der Priester wurde benachrichtigt und Gebete gesprochen. Die Familie begleitete ihren Angehörigen bis zum letzten Atemzug. Starb der Angehörige im Kreise seiner Familie, Verwandten und Freunde, wurde er beweint und es war der letzte Liebesdienst, den man ihm erwies, die Augen zu schließen. In unserer recht armen Familie wurde der Verstorbene selbst gewaschen, angekleidet, die Hände wurden gefaltet und die Familie bewachte ihn. Beim Gutsherren erledigte diesen letzten Dienst eine Totenwäscherin, das Weinen übernahmen nicht selten gut bezahlte Klageweiber. Doch überall war es ganz selbstverständlich, den Toten im Hause zu behalten, mit ihm zu sprechen, sich mit der ganzen Familie, auch den Kindern, um ihn zu versammeln. Freunde und Nachbarn kamen hinzu. Man erzählte sich Geschichten und Anekdoten aus dem Leben des Verstorbenen und gedachte ihm. Am Tag der Beisetzung war es den engsten Angehörigen und Freunden vorbehalten, den Sarg zu tragen und in das Grab hinab zu lassen, denn dieses war eine ganz besondere Ehre.


Kommen wir zurück in die heutige Zeit. Trotz Sterbeforschung und moderner Wissenschaft, kann bis heute niemand die Frage nach dem Jenseits beantworten. Der Tod gehört nicht mehr so selbstverständlich in die Ordnung unseres Lebens. Wir versuchen ihn auszutricksen. Ärzte können das Unvermeidbare hinauszögern, doch am Ende nützt alles Wissen und Kämpfen nichts. Gegen den Tod können wir nicht gewinnen, denn er gehört zum Kreislauf der Natur. Heute sterben viele Menschen in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Die Wohnverhältnisse, der Beruf und die örtliche Trennung lassen eine Betreuung im häuslichen Umfeld oft nicht zu. Und oft reicht die Kraft der Angehörigen einfach nicht mehr aus. Doch deshalb müssen wir nicht auf Traditionen verzichten. Fast alle Rituale, die unsere kleine Familie Anfang des 20. Jahrhunderts noch abhielt, kann man auch heute durchführen. Vielleicht ein wenig zeitgemäßer, angepasst an die Bedürfnisse, kann jeder, ob religiös oder zu keiner Glaubensgemeinschaft gehörend, auch in der heutigen Zeit Traditionen aufleben lassen und zulassen, dass Rituale den Abschied erleichtern.